Laß es fünfzehn Jahre her sein, vielleicht auch mehr ... Auf einer der üblichen PferdeVeranstaltungen überraschte mich eine Schau mit den Pferden von Bruno Isliker, kräftige kompakte Braune und Füchse, adrett in die schweizerischen Nationalfarben gekleidet. Vier dieser Kerlchen übersprangen in Formation eine Mauer aus liegenden Pferden. Alle Achtung, dachte ich, was ist denn das ...
Nach langer Zeit begegnete ich unerwartet in einem Wanderreitbetrieb diesen FreibergerPferden, FrancheMontagne, Fribies oder FM genannt, wieder. Deren Wiege befindet sich im Hochplateau der Freiberge an der westlichen Grenze des Schweizer Jura. Quadratische Robustpferde mit einem kurzen, meist sehr tragfähigen Rücken, einem kräftigen Hals, oftmals recht ausdrucksvollen, edlen Köpfen. Sie werden auch als leichte Kaltblüter bezeichnet, mittelschwer würde ich sagen, ihr Stockmaß beträgt zwischen 1,50 und 1,60 cm, ihr Gewicht zwischen 500 und 600 kg, so ihr es denn halten könnt bei diesen leichtfuttrigen und widerstandsfähigen Kerlchen.
Sie gehören einfach in einem Offenstall und hinterlassen immer den Eindruck, sich bei dem miesesten Wetter auch draußen pudelwohl zu fühlen. Ein gelassener Charakter, hohe Leistungsbereitschaft, absolute Zuverlässigkeit, Menschenfreundlichkeit und eine Sensibilität, die man bei solchen Kraftprotzen nicht vermutet, zeichnen „den Freiberger“ aus, mit allen charakterlichen und temperamentgegebenen Unterschieden, die zwischen ihnen existieren. Keine Schlafmützen, keine Langweiler, Arbeitstiere! Hanna formulierte es so wunderhübsch, das bleibt in Erinnerung: „Wie Kartoffelsuppe mit Chilies!"
Verlasspferde? Absolut! Aber auch diese müssen konsequent geführt und ständig erzogen werden wie jedes Pferd jeder beliebigen Rasse. Dank Dir, Giacomin, für die Demonstration mit Narvick, ich denke oft an euch beide. Denn auch Freiberger sind und bleiben Fluchttiere und testen ihren Menschen wiederholt auf Rangordnung ab. Dies sollte besonders im Hirn der Vernünftigen sitzenbleiben, wenn sich jemand durch den Mythos vom "Anfängerpferd" verleiten lässt, als NichtPferdeKenner einen Freiberger zu kaufen, die traurigen Geschichten der DressurPonies Nelson und PizPalú sind uns allen noch in bester Erinnerung!
Schweizer Freibergerzucht für militär- und landwirtschaftliche Einsätze kann bis ins Mittelalter zurückverfolgt werden, oft auch nicht nur für das eigene, sondern auch das Massen an Pferden „verbrauchende“ französische Militär. Da dies in späterer Zeit oft Pferde aus Eigenzuchten einsetzte, kam die schweizerische Zucht fast zum Erliegen und erst die Schweizer Bundesregierung beschloß, vor allem zur Versorgung des eigenen Militärs, deren Wiederaufnahme. In diesen Jahren wurde die Zucht erstmals durch englische Rassen aufgefrischt, später durch Normannen. Nach der Motorisierung der Schweiz kreuzte man nochmals Warmblüter ein, vor allem schwedische Linien, um ein mehr am Warmblutyp orientiertes doch noch schweres Pferd für Landarbeit und militärische Zwecke mit guter Reiteignung zu erhalten.
Das Nationalgestüt in Avenches ist auch heute noch vielfrequentierte Hengststation, Sitz des Schweizer Freiberger Zuchtverbandes und Ausbildungszentrum der FrancheMontagne. So kamen auch deutsche Freibergerfreunde auf die Idee, sich in den letzten Jahren verstärkt um das FreibergerPferd zu bemühen, den Deutschen Förderverein für Freiberger Pferde zu gründen und in die Zucht einzusteigen, auch dazu gibt es ein Pro und ein Contra.
Bereits in der Zucht wird vor allem Wert auf die genannten Eigenschaften im Interieur und nicht nur im Exterieur gelegt. Eine erste Fohlenprüfung und ein aus zahreichen Aufgaben bestehender Feldtest, der inclusiv einer Gelassenheitsprüfung mit drei Jahren von jedem Freiberger absolviert werden muß, zeigt mit einer dreigeteilten Note den nachfolgenden Käufern, was von Rasseideal, vom Körperbau und vom Gangwerk her in ihnen steckt.
Der deutsche Pferdefreund ist oft etwas verwundert, verwirrt, entsetzt: Im XXI. Jahrhundert werden Pferde in der Schweiz immer noch zum Schlachten gezüchtet. Das ist Tradition einer Gesellschaft und Ausleseinstrument für eine Rasse. So sollten wir diese "Produktion" von Metzfohlen begreifen und dies, wenn auch zähneknirschend, akzeptieren.
Einen Freiberger anzuschauen, zu reiten, zu fahren? Da fallen mir nur die beiden deutschen Reitbetriebe Freiberger Hof Rühmann bei Hamburg, der süddeutsche Reiterhof Ludäscher und der Schweizer Reitstall SanJon ein. Viel Freude dabei und herzliche Grüße von mir.
Pferde aus der Schweiz sind wegen Zollabfertigung und Exportsteuern nicht ganz problemlos in die EU und nach Deutschland einzuführen. Noch heute verehre ich Herbert Plögler vom österreichischen Zoll für seinen forschen Einsatz, ohne diesen wären wir nach einer abenteuerlichen Reise bis dato noch nicht zu Hause! Aber diese Geschichte ist zu lang, um sie hier zu erzählen ...
So bleibt mir nur übrig, mich herzlich zu bedanken für viele schöne Momente und Erlebnisse mit Freibergern - meiner Liebe fürs Leben! ... und bei Bruno Isliker, Heinrich Leibundgut, Brigitte Prohaska und Men Jon, Ruth und Heinz Büchi, Giacomin Barbüda, Fritz Trachsel, Bruno Franken, Gert Reinink und Regina Köchling.
Dana Krimmling
Düsseldorf 2009